Sind wir noch ZEIT-gemäß?

Zeit ist ein Konstrukt, das wir unter anderem dazu geschaffen haben um unser Leben in Gegenwart, Vergangen und Zukunft einzuteilen. Auf der kleinen norwegischen Insel Sommarøy bemühen sich die Bewohner darum, dass dieser kleine Ort zur ersten zeitfreien Zone der Welt wird. Eine Idee, die spannend klingt und zeitgleich nachdenklich stimmt. Geht das überhaupt? Wie legt man dann denn Termine fest? Wird sich der ein oder andere sagen. Und vielleicht geht ja genau darum: nicht getrieben zu sein von Terminen und intuitiv zu leben, sodass Zeit keine Rolle spielt.

Schöne heile Welt…

Schöne heile Welt und doch sieht die Realität im Moment noch anders aus: Höher, schneller, weiter, besser. Was unsere persönliche Lebensplanung angeht, haben sich inzwischen schon viele Menschen gegen diese Credo entschieden und den Weg zu einem achtsameren Leben gewählt. Und wie sieht´s im Arbeitsleben aus? Dort ist höher, schneller, weiter, effizienter und effektiver noch immer das Motto vieler Unternehmen: Aus möglichst günstigen Ressourcen das Maximale herausholen. Und dabei ging es nicht nur materielle Ressourcen, sondern leider auch um die Mitarbeiter. Denn der Homo Oeconomicus kombiniert Minimalprinzip und Maximalprinzip zum Optimumprinzip und betrachtet dabei natürlich auch das Humankapital als eine quantifizierbare Ressource. Es entstehen „nette“ Funktionen wie Personaldisponent. Das könnte despektierlicher nicht formuliert werden.

Doch auch damit ist (vermeintlich) endlich Schluss. Denn dafür sorgte zu schon zum großen Teil die oftmals verteufelte Generation Y. Und Generation Z mit ihren Werten, Zielen und Bedürfnissen knüpfen an diesen Trend an. Denn ist es nicht paradox? Jede Antreiber der sogenannten industriellen Revolutionen versprach den Arbeitern: „Ab jetzt wird’s besser und einfacher!“

Work 4.0 und Digitalisierung

Inzwischen sind wir bei Work 4.0 angelangt und hecheln größtenteils immer noch einer 40 Stunden Woche und „9 to 5“ hinterher. Wir versuchen so etwas wie „Work-Life-Balance“ zu etablieren und scheitern (aktuell noch sehr häufig) kläglich.

Wie kann das sein? Die Digitalisierung hängt auf der einen Seite wie ein Damokles-Schwert über uns. Viele Jobs sollen im nächsten Jahrzehnt buchstäblich „wegdigitalisiert“ werden. Auf der anderen Seite soll die Digitalisierung Prozesse automatisieren und vereinfachen. Und dann fallen uns immer wieder neue Wege zur weiteren Bürokratisierung von Abläufen ein, damit alles „wasserdicht“ ist und „uns am Ende keiner was kann“. Absicherung in zweierlei Hinsicht: auf das uns die Arbeit nicht ausgehen wird und keiner uns was tun kann. Aber braucht es das wirklich?

Ist weniger nicht doch oftmals mehr? Schließlich ist Minimalismus ist im Trend. Und wer sagt denn, dass wir „9 to 5“ und 40 Stunden arbeiten müssen? Ist das noch zeitgemäß? Die Arbeit, die ein Arbeiter Mitte der 90er in einer Woche erledigt hat, bekommen wir heute überwiegend schon in der Hälfte der Zeit hin. Und trotz ständiger Optimierung wird die Arbeit scheinbar nicht weniger. Und wer weniger als 40 Stunden arbeitet, der verdient auch weniger…

Das Parkinsonsche Gesetz

Erklären lässt sich das Ganze mit Hilfe des „Parkinson’schen Gesetzes“: Je mehr Zeit ich für etwas habe, desto mehr Zeit lasse ich mir auch damit bis ich fertig bin (der ein oder andere kennt das vielleicht von seiner Abschlussarbeit). Studien haben gezeigt, dass Mitarbeiter, die in Teilzeit arbeiten deutlich produktiver sind als Vollzeitkräfte. Und einige Unternehmen gehen mit gutem Beispiel voran, indem sie die 4 Tage Woche eingeführt haben. Bitte mehr davon, denn wenn wir bis zum 70. Lebensjahr arbeiten sollen, um unsere „wohlverdiente“ Rente zu bekommen, dann brauchen wir auch bitte jetzt auch mehr Zeit um zu leben. Und zwar zum gleichen Preis, wenn die Produktivität die Gleiche bleibt.

Franziska Hagen ist als Trainerin und Coach für Führungskräfte und Teams für die Axxplore GmbH tätig. Vorallem den Themenbereichen Neurodidaktik, Neuroleadership und positive Psychologie widmet sie viel Aufmerksamkeit und Interesse.